Es benötigt in der Tat einiges an Überwindung, das ganze Bo Katzman-Konzert noch einmal aufzurollen, jedoch hoffe ich damit vielleicht die eine oder andere Seele vor dieser oder einer ähnlichen Erfahrung zu bewahren.
Eigentlich begann der Abend noch ganz versöhnlich: verwöhnt von guter Musik vom TaschenDJ und einer erhellenden Weglektüre trudelte ich am Ort des Geschehens ein…und war perplex: überall schon Leute, der Saal begann sich schon zu füllen, dabei war erst in einer Stunde offizieller Start. Also hurtig in den Umkleideraum der Billeteure geschritten, wo sich, oh Schreck, die gesamte Bo Katzman-Chorcrew breit gemacht und mit dem Umziehen begonnen hat. Die Mehrheit darunter grau melierte Frauen. Natürlich. Ein Anblick also, welcher auch den tollwütigsten Hund in die Flucht geschlagen hätte. Als würde ich von demselben gejagt, hetzte ich wieder in die Empfangshalle und wartete, bis die grauen Eminenzen sich hinter die Bühne zurückgezogen hatten. Beim zweiten Versuch, die Garderobe zu betreten, wurde ich zwar fast Opfer eines olfaktorischen Schlaghammers, nachdem sich aber mein Riechzinken ins Schädelinnere zurückgezogen hatte, war es einigermassen erträglich und mein Einsatz verzögerte sich nicht noch weiter.
Wieder oben wurden direkt Positionen bezogen und nach kurzer Verzögerung auch die Türen zum Hörsaal geöffnet. Danach ging ich wie gewohnt einem meiner liebsten Hobbys nach: Typisierung von fremden Leuten. Normalerweise handelt es sich beim Tonhallenpublikum um Übersechzigjährige, welche sich auf einen Abend mit Bach, Strauss oder Mozart freuten, da macht das Typisieren nicht wirklich Spass. Bei solchen Anlässen wie dem Bo-Katzman-Konzert ist das ganz anders. Der erste Typ, der da an mir vorbei rannte, gehörte zum Typ “hyperaktive ältere Fraue”, welche auch gern im Chor mitsängen, dies aber nie geschafft haben, und sich seither in ein bodenloses Engagement in der örtlichen Kirchgemeinde als Kuchenbäckerin oder Adventskranzbinderin flüchten. Da für diese Gruppe das Bo-Katzman-Konzert ein riesen Highlight darstellt, waren sie erwartungsgemäss auch die ersten, welche mich wie ein Gruppe hungriger Wölfe belagerten und fast sekündlich nachhakten, wann’s denn nun entlich losgehe, und mich mit anklagendem Unterton auf die Zeitangaben im Programm hinwiesen.
Die nächste Kategorie ist mit der ersten verwandt, nur haben diese Frauen eine Familie gegründet. Der nach Weichspüler riechende Ehemann mit den uniform gekleideten und typischerweise ebenfalls hyperaktiven Kindern im Schlepptau folgt stumm der tonangebenden Frau. Es ist ihr Abend, und wehe dem, der ihn ihr streitig macht. Schmunzelnd denke ich an die dramatischen Szenen, welche ich mit einem “Tut mir leid, Katzman ist krank, das Konzert ist abgesagt” verursachen könnte, halte mich aber profesionnel zurück.
Die dritte Kategorie ist ebenfalls weiblich (wie die übrigen Dreiviertel der Anwesenden), ungefähr 30 und offensichtlich frustriert, noch nicht “den richtigen Mann” - ich nenne es schlicht “gar keinen Mann”- gefunden zu haben. Wer kennt sie nicht: sie tragen weisse Blusen, vertikal weissgestreifte schwarze Hosen und schwarze Schuhe mit diesen hohen, jedoch zentimeterbreiten Absätzen. Sie schlendern in Grüppchen mit anderen Artgenossinnen durch das Foyer, und schauen Männer grundsätzlich nicht über einem Winkel von 45° an.
Die vierte und letzte Kategorie ist das ältere Ehepärchen, beide über 60, welche regelmässig auch an Schlagerpartys anzutreffen sind. Sie gehören an diesem Abend zu den angenehmsten Gästen. Sind freundlich, selbstständig und nicht auf ständige Bestätigung ihres Daseinssinnes angewiesen.
Nach einer halben Stunde haben entlich alle Gäste den Weg vor die Bühne gefunden, ich schliesse die Türe hinter ihnen und geniesse die plötzliche Stille. Wunderbar. Drinnen tobt die Menge, ich habe Pause. Also rüber in die Kantine des benachbarten Stadttheaters, wo ein lustiger Haufen von Schauspielern, Bühnenbildnern, Kostümschneidern und so weiter den Samstagabend geniessen. Der kurze Aufenthalt an diesem gemütlichen Ort lässt mich die erlebten Schrecken kurzzeitig vergessen.
Ein wenig erschrocken über den Zeitsprung verliessen wir eine Stunde später diesen Hort der Wärme wieder. Bo machte bald Pause, und die Saaltüren sollten geöffnet werden (dem modernen Gast wird auch überhaupt nichts mehr zugetraut). Als die Applauswellen entlich abflachten und ich die erste Türe aufriss, schlug ich sie sogleich wieder zu. Abartig. Tief Luft holen, aufmachen, wegrennen. Was haben die da drinn bloss angestellt? Neben der Kunstnebelwand, welche bald durch das ganze Gebäude ziehen sollte, ergoss sich ein Meer voller Düfte teils chemischer, teils biologischer Herkunft in das unschuldige Foyer. Das Rauchverbot und das damit verbundene Fehlen einer offenen Flamme verhinderte jedoch Schlimmeres, und die gewaltige Lüftungsanlage pumpte wärend der Pause das leicht entzündliche Gemisch unter Vollast zuverlässig nach draussen, wo es sich unbemerkt zu den übrigen Treibhausgasen gesellte. Abgesehen vom temporären Schock verbringe ich die Restpause unbehelligt, in die eigene Fantasiewelt gekehrt, und bin 15 Minuten später der erste, der die Türen hinter den Gästen wieder schliesst. Phu, bald geschafft.
Unten wartete aber bereits die nächste Überraschung: die Chormitglieder, welche unsere Garderobe infiltriert hatten, haben dieselbige randaliert. Kleidungsstücke einiger unserer Mitglieder lagen verstreut auf dem Boden herum, die Chordamen hatten sich offensichtlich Platz geschaffen wo keiner mehr war. Absolut genial! Randalierende Gospelchorsängerinnen, sowas wäre nicht einmal Tarantino in seinen kränksten Träumen in den Sinn gekommen. Nachdem wir die Situation wieder einigermassen geklärt hatten und ganz nebenbei einige Habseligkeiten der Chormitglieder mit … nein das geht zu weit. /cut
Eine Dreiviertelstunde später. Nach dem frenetischen, um nicht zu sagen fanatischen Applaus nach dem letzten Lied (Oh Happy Day, wie könnte es anders sein) ersparte Bo mir und der musikliebenden Welt glücklicherweise eine Zugabe. An dieser Stelle sei noch erwähnt: Die Qualität des Dargebrachten kratzte wirklich an der untersten Grenze jeglichen Bewertungsspektrums. Einzig Nubia, der ‘Gaststar’ des Abends, konnte stimmlich überzeugen und erinnerete nicht wie Bo&Chor an einen akkustischen Sonntagsschulausflug. Die Zuschauer schien das nicht zu stören, teils fanatisch mitklatschend, teils beinahe zu Tränen gerührt standen und sassen sie an ihren Plätzen und starrten auf die Bühne. Sowas schreckt mich ab. Dabei handelt es sich bei Bo Katzman nur um eine verkappt-religiöse Veranstaltung, die nicht in erster Linie der Missionierung dient. Andere Anlässe, sogenannte Pop- und Jugendgottesdienste, sollen ja noch viel schlimmer sein. Aber ich möchte hier nicht weiter auf den Beschreib sektenähnlicher Zusammenkünfte eingehen, meine Schmerzensgrenze war auf jeden Fall bereits jetzt erreicht. Da dieses Spektakel nun aber glücklicherweise beendet war, verliess das Publikum die Räumlichkeiten. Oder eben nicht. Abwesend und gerührt starrte man noch in Richtung Bühne und folgte nur mürrisch meinen Aufforderungen zum Verlassen des Saals. Aber auch dies tat meiner Freude über den baldigen Feierabend keinen Abbruch mehr. Ich hatte es überlebt. Beinahe. Als ich glückstrunken in die Garderobe stolperte, erblindete ich sogleich bei dem Anblick von sich umziehenden Chorsängerinnen und flog wie von einem gewaltigen Kinnhaken getroffen rückwärts aus dem Raum wo ich regungslos liegen blieb und auf den nächsten Herzschlag wartete. Er liess schrecklich lange auf sich warten. Immerhin, nach diesem Anblick konnte mich nichts mehr schocken. Kaum war die Garderobe verlassen hatte ich freie Bahn und zog mich um, so schnell wie noch nie. Ohne noch wertvolle Sekunden zu vertrödeln verliess ich den Tatort. Vorwärts schauen, vorwärts schauen.