“Killerspiele”: Das Unwort nun auch in der Schweiz
Uff, bitte nicht! Eben noch unsere nördlichen Nachbarn gewundert, über die ungewöhnlichen journalistischen und politischen Auswüchse, für welche die deutsche Killerspieldebatte gesorgt hat, und nun das: Unverhohlen kopiert der Blick den sehr fragwürdigen und journalistisch unsauberen Begriff “Killerspiel” und bringt ihn genau so undifferenziert in Verbindung mit dem tragischen Mord an einer jungen Zürcherin, wie es die deutschen Medien bereits mit den traurigen Amokläufen von Erfurt und Emstetten getan haben. Nun ich möchte mal was ebenso journalistisch Unkorrektes loslassen: Wie kommt ihr bloss dazu, Killerspiele zum Sündenbock zu erklären, wenn der Mord mit einer Armeewaffe begangen wurde, die in unserem liberalen Land in fast jedem Haushalt steht und mit welcher ein grosser Teil der Bevölkerung jährlich das Laden, Zielen und Treffen trainiert? Ihr schreibt:
Eigentlich sprachen wir nur über seine Spielleidenschaft. Zuletzt war er vom Schiess-Spiel ‹Battlefield› fasziniert.» Im sogenannten «Ego-Shooter» fliesst viel Blut. Der Soldat zieht ausgestattet mit Hightech-Waffen in den Krieg, lauert hinter Hauswänden seinen Gegnern auf.
Fakt ist: Es gibt kein Spiel das einfach nur “Battlefield” heisst. Es gibt die Battlefield-Reihe, mit High-Techwaffen ausgerüstet zieht man allerdings nur im neusten Teil der Serie, der sich “Battlefield 2142″ nennt, in den Kampf. Es handelt sich dabei um einen Multiplayer-Shooter, in anderen Worten um einen teambasierten Ego-Shooter, welchen man hauptsächlich über das Internet, zusammen mit anderen Computerpielern, spielt. Das Spielziel ist dabei nicht, dass man hinter Hauswänden den Gegnern auflauert und diese auf möglichst brutale weise niedermetzelt, sondern mit gescheitem Einsatz der verschiedenen Klassenfertigkeiten (ja, es gibt verschiedene Klassen, zB Sanitäter, Soldaten, Panzerabwehr, Unterstützer, …) versucht, sogenannte Kontroll- oder Fahnenpunkte zu besetzen. Es geht dabei also nicht in erster Linie um das Töten des “Feindes”, sondern darum, durch koordiniertes Teamplay bestimmte Punkte im Level zu erobern, zu halten oder zu verteidigen. In der deutschen Version fliesst darüber hinaus überhaupt kein Blut.
Ihr schreibt des Weiteren:
Die Ermittler machen eine weitere Entdeckung: Stapelweise liegen Computerspiele herum – Killer- und Kriegsspiele mit blutigem, menschenverachtendem Inhalt. Damit vertreibt sich Luis W. die Zeit. Freunden erzählt er, wie er stundenlang vor dem Computer sitzt und die Rolle des kaltblütigen Heckenschützen spielt. Immer wieder schiesst er in der virtuellen Welt auf Menschen, metzelt sie nieder. Er übt regelrecht, was er am Freitag vor einer Woche an der Bus-haltestelle Hönggerberg in die Tat umsetzt.
Umschreibt doch bitte, was er genau “geübt” haben soll. Und bitte vergesst dabei nicht, was er gleichzeitig in der schweizer Rekrutenschule gelernt hat: die (Mord)Waffe laden, zielen und abfeuern (und zwar treffsicher auf 300 Meter), …
Aber jetzt nochmals zurück zu den Computerspielen: Gezielt wird über Maussteuerung und einer Zielhilfe, genauer ein Fadenkreuz, welches sich wärend des Spiels fix in der Mitte des Bildschirms befindet. Nachgeladen wird über die “R”-Taste - hat eure Armeewaffe eine “R”-Taste? Meine nicht. Die Waffen im Spiel sind, wie das Zukunftsszenario des Spiels bereits vermuten lässt, fiktiv, in anderen Worten, nicht real, weshalb durch das Spielen von Battlefield 2142 nicht das Funktionieren (oder gar die Wirkung) erhältlicher Waffen studiert werden kann. Also was soll der Todesschütze durch das Spielen von “Battlefield 2142″ genau geübt haben?
Ausserdem wird gesagt, es werde in dem Spiel auf Menschen geschossen. Viel suggestiver kann der Spielinhalt wohl nicht beschrieben werden. Zwischen dem Be- und Abschiessen eines Menschen in der realen Welt und dem Abschiessen eines virtuellen, in Ansätzen (d.h. nur vom Aussehen und nicht von sonstigen Eigenschaften her) menschenähnlichem Polygonmodells besteht immer noch ein markanter Unterschied. Genausowenig “stirbt” der Film- oder Theaterschauspieler. Obwohl Kinder in frühen Jahren Mühe haben, Realität als solche zu erkennen, spreche ich doch jedem halbwegs gesunden, erwachsenen Menschen diese Fähigkeit zu. Solche Vergleiche sind deshalb m.E. nur anstössig.
Bitte umschreibt des Weiteren, was ihr genau unter einem “Killerspiel” versteht. Ihr grenzt es bereits von einem Kriegsspiel ab. Im übrigen ein weiterer, unscharfer Begriff, der auf eine eher rudimentäre Auseinandersetzung mit der Thematik hindeutet. Aber zurück zu den “Killerspielen”: Eine genaue Beschreibung blieben auch eure deutschen Kollegen weitgehend schuldig. Spiele lassen sich nicht pauschal in gut oder schlecht einordnen. Allerdings eignen sie sich anscheinend hervorragen, pauschal als Sündenbock hinzuhalten.
Ich kann zum Schluss nur noch betonen, das die Gewaltbereitschaft von labilen Persönlichkeiten durch den Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen m.E. durchaus zunehmen kann. Genau so wie durch den Konsum anderer gewaltverherrlichender Medien (zB Fernsehen). Meiner Meinung nach haben Computerspiele aber nicht das Potenzial, aus einem friedfertigen Menschen einen “Killer” zu machen, und schon gar nicht, solche grausamen Taten zu “üben”. Ausserdem ist der Mensch heute, neben den Videospielen, einer Unmenge von anderen Gewaltberichten und -darstellungen ausgesetzt, sei es durch Kinofilme, Fernsehen (umfasst auch Newsgefässe wie Tagesschau) und ja, sogar Printmedien. Eine Vorverurteilung von Computerspielen greift m.E. deshalb um Längen zu kurz, oder besser gesagt, es berührt das eigentliche Problem nicht - die soziale Stellung und der gesellschaftliche Umgang mit Gewalt.
Hinweis
Besonders für Neulinge auf diesem Gebiet, empfehle ich folgende Lektüre als eine gute Einführung in die Thematik:
und folgendes YouTube-Video, welches für unsaubere Berichterstattung sensibilisieren soll:
Quelle
blick.ch (Stand: 3.12.2007, 23:11h) http://www.blick.ch/news/schweiz/polizei-fand-stapelweise-killerspiele-77543

Dezember 5, 2007 um 9:22 Uhr vormittags
[...] lebedeph [...]
Dezember 5, 2007 um 11:48 Uhr vormittags
Ich glaube, dass der Begriff “Battlefield” schon verwendet werden kann hier - denn immerhin ist das Spielprinzip in allen Spielen der Reihe recht ähnlich, wenn sich auch Szenario und Realitätsgrad (rein von der Technik her) unterscheiden.
Aber es geht ja nicht um die präzise Beschreibung eines Begriffes sondern um den journalistischen oder politischen Umgang mit den genannten Spielen. Und hierbei stimme ich grösstenteils mit Dir überein - eine tolle Reflexion des BLICK-Artikels! Besten Dank dafür.