Kleidervorschrift für die Fans

Ich bin kein grosser Fussballfan. Der Versuch, mir auf die Euro hin Fröhlichkeit zu diktieren, ist gehörig fehlgeschlagen. Die Initiative “Österreich zeigt Rückgrat” unseres Mitgastgebers zeugt immerhin von Anstand und Selbstbewusstsein, welche sich die Österreicher bewahrt haben. Anstand deshalb, weil es sich nicht gehört, Menschen mit schlechtem Fussball zu belästigen. Selbstbewusstsein deshalb, weil sie sich bewusst sind, das sie selbst keinen guten Fussball spielen, und ihr Platz um der Qualität wegen doch an eine bessere Mannschaft, wie bspw. England, vergeben werden sollte. Dieser Anstand fehlt den Schweizern völlig. Als hätten wir den Schnee in den Bergen aus Kolumbien importiert, ereifert man sich hier in Gesprächen über Halbfinalchancen und entsprechende Taktiken, welche die Nationalelf dorthin bringen würden. Verlust jeglichen Sinns für die Realität. So bleibt nur zu hoffen, das es kurz und schmerzlos geschieht, so dass sich später niemand mehr dran erinnert, und ich mir an den Flughäfen nicht noch Jahre später ins Gesicht gelacht wird, wenn ich meinen Schweizer Pass hervorkrame.
Aber nicht überall sind die Emotionen angesichts der kommenden Europameisterschaft so abgehoben, wie bei den Fans. Die Schweizer Wirtschaft zumindest bleibt eiskalt. Erinnert sich noch jemand an die Legende aus der USA, in welcher ein Schüler am “Cola-Day” seiner Lehranstalt mit einem Pepsi-T-Shirt aufkreuzt und darauf hin von der Schule verwiesen wird? Ja, bis heute habe ich darüber nur müde lächeln können. Die spinnen, die Amis. In Good Old Europe kein Thema, schon gar nicht in der Schweiz. Weit gefehlt. Zwar trifft es hier nicht die Schulen, aber immerhin die Fanzonen, oder mit anderen Worten den öffentlichen Raum. Details nachzulesen gibt es zum Beispiel hier, hier oder hier. Das wichtigste in Kürze: In den Fanzonen in Zürich dürfen Fans keine Kleidung mit Aufdrucken von Logos und Labels von Nicht-Sponsoren tragen. Ansonsten werden sie von der Fanzone verwiesen. Zwar wurde die anfangs krass anmutende Meldung mittlerweilen etwas entschärft: einzelne Fans würden wegen einem “falschen” Baseballcap noch nicht aus der Fanzone geworfen. Erst wenn gemäss Zürichs Euro-Delegiertem Daniel Rupf “Dutzende Leute das Logo eines Nicht-Sponsors tragen, würde man einschreiten”. Dies geschieht, um sogenanntem Ambush-Marketing vorzubeugen. Ich sehe schon, wie Headhunter auf den Dächern sitzen und mit Ferngläsern und Funkgeräten bewaffnet fleissig Logos zählen und Jagd machen auf die abtrünnigen Freidenker. Was aber anscheinend niemand bedacht hat: Würde tatsächlich ein Nicht-Sponsor mit einer solchen Aktion Aufmerksamkeit erregen wollen, so ist sie ihm dank dieser Vorsichtsmassnahme nun auch gewiss. Denn wenn anscheinend harmlose Leute von schwarzen Männern in Anzügen aus der Masse gezerrt werden, bleibt das bestimmt nicht unbemerkt. Dennoch eine wahrscheinlich sehr geistreiche Idee, deren Sinn sich aber zur Zeit nur dem göttlichen Genie eines Marketingverantwortlichen erschliessen will. Ich muss da glücklicherweise passen, denn ich schwöre lieber auf Teufels Logik.

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