Endlich ist es soweit. (Bin heimliches Mitglied der Obama-Apologeten – deshalb: Danke, danke, danke).
Wo bin ich
Juni 2, 2008Wieder Lernzeit, will heissen täglich zehn Stunden in der Bibliothek, wobei im besten Fall die Hälfte ins Lernen und der Rest in Kaffeepausen und Flurgespräche investiert wird. Eine Zeit, die viel Gelegenheit für das Ausleben von alten und neuen Psychosen und Neurosen bietet, seien das Selbstgespräche, Gedankenaustausch mit einem unsichtbaren Dritten oder Panikattacken mit Fluchtgedanken.
Ich mag letzteres, die Fluchtgedanken, ein wenig ausführen, da sie sich heute in besonders heftigen Wellen über mich hermachen. Wie immer habe ich mir heute morgen mein übliches Tischchen in der Ecke erobert, wo ich nicht Opfer von direktem Blickkontakt mit Menschen oder sonstigen Ablenkungen zu werden drohte. Temperatur war noch im angenehmen Bereich der Zimmertemperatur. Die erste halbe Stunde lernte es sich auch ganz locker-flockig, bis sich dann eine abgemagerte Zwergenfrau mit hang zum Damenbart hinter mich setzte. Die erwähnten Eigenschaften wären mir gar nicht aufgefallen und könnten mir auch keine Sekunde meine göttliche Ruhe rauben, würde die Zwergenfrau nicht so einen penetranten Geruch nach Marinade ausdünsten. Und ich meine das so, wie ich das schreibe: Die Frau riecht nach Meat Marinade Sauce Knorr. Ignoriert an dieser Stelle die Schleichwerbung, sie dient nur zur Illustration des abartigen Duftes, welchem ich die letzten Stunden ausgesetzt war. Hinzu kam der spürbare Temperaturanstieg gegen elf Uhr, der sich noch bis zum Höhepunkt um etwa drei Uhr nachmittags hinziehen wird, und die Bibliothek regelmässig in einen subtropischen Bücherjungel verwandelt. Immerhin sind heute das erste mal einige der grossen Fenster gekippt. Neben der spärlichen, kühlenden Luft (für welche ich sehr dankbar bin), strömen aber auch ganze Fliegenschwärme durch die Fensterspalten, welche, kaum sind sie drin, verzweifelt damit beginnen, den Ausgang zu suchen. Und mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten surren momentan geschätze 25 Fliegen an den Fenster, während ich von Gerüchen und Schweissausbrüchen geplagt, versuche, mich auf den unmöglich zu bewältigenden Lernberg vor mir zu konzentrieren. Der ideale Nährboden für Fluchtgedanken, Träume vom Davonfliegen und Fallenlassen.
Zum Glück dauert es heute exakt noch 1 Monat, bis ich mit dem allem* fertig bin es in einer manischen Freude zuhause aus dem Fenster schmeissen und ihm beim sterben zusehen werde.
*nicht mit meinen vielen Büchern, die sind ganz umgänglich. Aber mit all diesen Erinnerungen an die Marinadenfrau, an Bibliotheken im Sommer, an das hölzerne Schnitzelbrot am Mittag, an die armanitragenden BWL-Studenten, an die beschränkten Kongressbesucher und die so-called Elite, die hier täglich rumschwirrt und nicht zuletzt an den bitteren bis sauren Mensakaffee.
Verfasst von lebedeph
Verfasst von lebedeph 


