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Kick Ass: The Movie – Kurzrezension

Die Story von Kick Ass rasch zusammengefasst: Hier die schöne Prinzessin, die es zu erobern gilt, und bei der man als Durchschnittsloser (natürlich) keine Chance hat zu scoren. Dort die dark side: Bullies, Strassengauner, Drogendealer, Prostituierte und Gangsterbosse. Durchschnittlicher Stoff für einen durchschnittlichen Streifen. Tatsächlich gelingt es dem Film nicht, an den entscheidenden Stellen über sich hinauszuwachsen.

Erstens versäumt Kick Ass die sozialen Prämissen zu hinterfragen, welche den Erfolg seines Helden in der Realität erst möglich machen. Im Grunde ist die Figur Kick Ass die idealistische Antwort eines Jugendlichen auf die entsolidarisierte Gesellschaft, im Film dargestellt durch jene Ansammlung handlungsunfähiger Gaffer, welche angesichts brutaler Verbrechen nur paralysiert das Handy zückt und filmt, in der Hoffnung den nächsten Youtube-Renner auf die SD-Card zu bannen.  Kick Ass will das ändern, und was als Jugendfantasie beginnt, wächst dem Protagonisten rasch über den Kopf und wird zum medienwirksamen Massenphänomen. Der Möchtegern-Superheld Kick Ass, dieser Neoprenanzugträger, wird zur Inspiration und Vorbild für eine orientierungslose Jugend (insbesondere deren männlicher Vertreter). Er steht für das fremd gewordene Ideal des Mitgefühls – und legt sich damit ungewollt mit der Unterwelt an, die von der Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft lebt. Die Hatz der Mafiosi auf Kick Ass gipfelt schliesslich in der tragischen Ermordung eines Doppelgängers. Kick Ass verspielt hier leichtfertig die Chance, etwas mehr zu sein als auf Stimulus getrimmte ADHS-Unterhaltung. Der Streifen weigert sich fast schon penetrant, die gesellschaftlichen Aspekte der Superheldenthematik aufzugreifen und in den Fokus zu rücken. Dass es auch besser geht bewies zum Beispiel der letzte Teil der Batman-Trilogie The Dark Knight, welcher den inspirativen Charakter von Superhelden zum Kernthema machte, und die Zivilgesellschaft von Gotham City im Showdown sogar zum Helden erhob. Das war grosses Kino, oder Kino für Grosse.

Ein zweiter Punkt ist die voyeuristische Zurschaustellung extremer Gewalt, mit welcher versucht wird, über die eben angesprochene Absenz grosser Themen hinwegzutäuschen. Kick Ass ist durchzogen von einer Brutalität, welche vom Kindesalter  der Charaktere –  Dave Lizewski alias Kick Ass ist 16, seine Heldenkollegin Mindy Macready alias Hit Girl gerade mal 10 Jahre alt – auf teils absurde, teils groteske Art und Weise kontrastiert wird. So wirbelt das Hit Girl, spektakulär in Szene gesetzt und von Gute-Laune-Mucken wie Joan Jett’s Bad Reputation begleitet, durch Gegnerhorden, spaltet Schädel, teilt Arme, trennt Beine, und das alles mit dem zuckersüssen Lächeln einer Zehnjährigen im Gesicht. Klar ist Schurken töten in Wirklichkeit ein brutales Business, welches gerade an kindlichen Helden nicht spurlos vorbeigehen kann und darf. Die Diskrepanz zwischen erwarteter und erlebter Superheldenrealität ist unter dem Aspekt der Gewaltdarstellung und -erfahrung besonders gross. Doch gerade das wird vom Film nicht wahrgenommen und sogar ins Perverse verdreht: die Gewalt scheint ohne negativen Konsequenzen zu bleiben. Besonders verstörend ist das im Fall des zehjährigen Hit Girls, dessen  Innenleben sich ohne weiteres auf den emotionslose Kern einer abgerichteten Tötungsmaschine reduzieren lässt. Das Kind scheint die Metzelorgien so einfach wegzustecken wie eine Rauferei auf dem Pausenhof. Ebenso konturlos: die Rolle ihres Vaters Big Daddy, welcher als Batman verkleidet Gangster aufmischt. Man erfährt, dass er seine Tochter mittels Gehirnwäsche die Kinderseele amputiert hat um sie als Werkzeug für seine Rachepläne zu (miss?)brauchen.  Der Einblick in die psychologische Konstellation dieser verkorksten Vater-Tochter-Beziehung bleibt eine Randnotiz.  Tiefgründige Charakterzeichnung sieht anders aus.
Schade eigentlich, denn das sind für mich Aspekte, welche das Gedankenspiel mit realen (Super-)Helden interessant machen, und welche beispielsweise im genialen The Watchmen eine deutlich feinere Elaboration erfahren. Kick Ass hingegen bleibt auf Augenhöhe mit dem nerdigen Highschool Student, und dem kindlichen Verständnis von Gewalt als  Männlichkeitsritual und (einzigen!) Zugang zu Respekt und Selbstverwirklichung. Das funktioniert kurzfristig; die aufmerksamkeitsheuschenden Gewaltexzessen halten den Adrenalinpegel über die knapp zwei Stunden hoch und treiben den Film bis zum Schluss. Dort aber bricht er zusammen, mit viel Oho, aber wenig Aha.
Weiteren Senf zum Film gibts hier, und zur Comicvorlage hier.
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